Der Bildungsmonitor 2009 - Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
Fragen & Antworten zum Bildungsmonitor 2009
1. Neben dem "Bildungsmonitor" gibt es einen weiteren Ländervergleich - den "Politikcheck Schule". Was ist der Unterschied?
Beide Studien sind vom Institut der deutschen Wirtschaft im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft erstellt worden. In beiden Studien werden die Bundesländer verglichen. Allerdings geht der Politikcheck Schule ausschließlich auf die Schulen und hier ausschließlich auf die weiterbildenden Schulen, Klassen fünf bis zwölf, ein, während der Bildungsmonitor sich auch den Bildungssystemen Kindergarten, Grundschule, Berufsausbildung und Hochschule widmet. Der wichtigste Unterschied aber ist: der Bildungsmonitor schaut auf die Gegenwart und die Vergangenheit, der Politikcheck Schule dagegen in die Zukunft. Im Monitor werden statistische Daten und Zahlen ausgewertet, die von statistischen Einrichtungen gesammelt worden sind. Der Politikcheck hat überprüft, was Politik und Verwaltung in den Bundesländern an Reformmaßnahmen angestoßen beziehungsweise schon umgesetzt haben, um die Ausbildungsqualität zu verbessern. Somit befasst sich der Bildungsmonitor mit Zahlen, der Politikcheck dagegen mit Gesetzen, Vorschriften und politischen Ankündigungen.
2. Der Bildungsmonitor ist eine Betrachtung des Bildungssystems in 13 bildungsökonomisch relevanten Handlungsfeldern. Die Darstellung des Bildungsmonitors im Jahr 2009 entspricht der Darstellungsweise des Jahre 2007 und 2008. In den Vorjahren 2004, 2005 und 2006 wies der Bildungsmonitor eine andere Struktur auf: Es wurden die Bildungsbereiche Vor- und Grundschule, allgemeinbildende weiterführende Schule, Lehrausbildung und Hochschulausbildung bewertet. Die Ergebnisse der Vorjahre wurden auf Basis der neuen Struktur zurückgerechnet. Wesentliche Veränderungen zu den Berichten der Vorjahre ergeben sich hierdurch nicht, warum wurde dann das Schema geändert?
Der Monitor misst, welcher bildungspolitische Handlungsbedarf in den 16 Bundesländern besteht. Die Ergebnisse in den Handlungsfeldern haben einen erheblichen Einfluss auf die Wachstumstreiber Humankapitalausstattung, Erwerbstätigkeit, Abgabenlast und Investitionsquote und bieten Detailantworten auf 13 Leitfragen:
- Welcher Stellenwert wird Bildung im Ausgabeverhalten der öffentlichen Haushalte eingeräumt (Ausgabenpriorisierung)?
- Wofür werden die öffentlichen Ressourcen eingesetzt (Inputeffizienz)?
- Wie gut sind die Betreuungsbedingungen in den Bildungseinrichtungen (Betreuungsbedingungen)?
- Wie gut sind die Voraussetzungen, durch eine ganztägliche Betreuung und Bildung die individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen zu intensivieren (Förderinfrastruktur)?
- Wie gut ist das Bildungswesen auf die Anforderungen einer international integrierten Wirtschaft und Gesellschaft ausgerichtet (Internationalisierung)?
- In welchem Umfang geht Bildungszeit als Ressource im Bildungswesen verloren (Zeiteffizienz)?
- Wie gut ist die Bildung – gemessen an Schülerkompetenzen – an den Schulen (Schulqualität)?
- In welchem Umfang wird verhindert, dass Jugendliche am Ende ihrer Schullaufbahn nicht die erforderliche Ausbildungsreife aufweisen (Bildungsarmut)?
- Wie gut gelingt es dem Bildungswesen, unabhängig von der sozioökonomischen Herkunft gleiche Bildungschancen zu eröffnen (Integration)?
- Inwieweit stärkt das berufliche Bildungswesen die Chancen der Jugendlichen an der Schwelle zum Arbeitsmarkt (Berufliche Bildung/Arbeitsmarktorientierung)?
- Welchen Beitrag leistet das Bildungssystem für die Akademisierung der Bevölkerung (Akademisierungsgrad)?
- Welchen Beitrag leistet das Bildungssystem zur Sicherung der technologischen Leistungsfähigkeit und Innovationskraft (MINT)?
- Welche Bedeutung haben die Hochschulen im Rahmen des regionalen Forschungsverbunds (Forschungsorientierung)?
3. Die Studie folgt einem "bildungsökonomischen" und "humankapitaltheoretischen" Ansatz. Was ist das?
Der Bildungsmonitor bewertet, wie erfolgreich jedes Bundesland sein Bildungssystem so ausgestaltet, dass daraus optimale Wachstums- und Beschäftigungsimpulse entstehen. Dahinter steckt die Überzeugung, dass Bildung auch aus volkswirtschaftlicher Sicht eine Investition in die Zukunft ist. Aus Bildungsprozessen entsteht Humankapital. Darunter versteht man Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissen, die in Personen verkörpert sind sowie durch Ausbildung, Weiterbildung und Erfahrung erworben werden. In der Forschung gibt es eine Vielzahl von Theorien und Studien, die die positive Wirkung von Humankapital auf Wachstum und Beschäftigung belegen. Als rohstoffarmes Land ist Deutschland in besonderer Weise darauf angewiesen. Die Studie Bildungsmonitor analysiert erstmals wissenschaftlich, wie stark die Bildungssysteme der Länder die Voraussetzungen für Wachstum schaffen und stellt die Bundesländer als relevante bildungspolitische Akteure in eine Rangfolge.
4. Darf man Bildung überhaupt in einen ökonomischen Kontext stellen?
Ja. Schließlich wird Bildung von der Gesellschaft bezahlt. Jeder in Deutschland hat Anspruch auf optimale Bildungschancen. Umgekehrt hat aber auch die Gesellschaft einen Anspruch darauf, von dieser Investition zu profitieren. Das Bildungssystem muss die Menschen für die zukünftig benötigten Jobs bestmöglich fit machen, so dass die Volkswirtschaft und damit der gesellschaftliche Wohlstand weiter wachsen können. Auch die individuellen Arbeitsplatzaussichten und Einkommensperspektiven hängen maßgeblich von den in Schule, Berufsausbildung und Hochschule erworbenen Kenntnissen und Fähigkeiten ab. In diesem Sinne verfolgt Bildung ökonomische Zwecke, auch wenn dieser Zusammenhang im ersten Moment eher unvertraut klingt.
5. Was unterscheidet den Bildungsmonitor von PISA?
Auf Deutschland bezogen ist der Bildungsmonitor das umfassendere Konzept. Denn hier geht es nicht nur um eine Messung und Bewertung des Leistungsstandes ausgewählter Schuljahrgänge. Im Unterschied zu PISA untersucht der Bildungsmonitor die gesamten institutionellen Rahmenbedingungen an Grundschulen, allgemein- und berufsbildenden Schulen sowie an Hochschulen. Dazu werden neben PISA- und IGLU-Ergebnissen auch Daten vom Statistischen Bundesamt ausgewertet und gewichtet. Insgesamt fließen 102 Indikatoren in das Benchmarking ein. PISA testet die Leistungen der 15-jährigen Jugendlichen in den Fächern Mathematik, Lesen, Naturwissenschaften und logisches Denken. PISA- und IGLU-Daten fließen auch in den INSM-Bildungsmonitor 2009 ein, machen aber nur einen Teil der umfassenden Datensammlung aus.
6. Kindergarten, Schule, Ausbildung und Studium – kann eine einzige Studie wirklich alle wichtigen Lernstationen abdecken?
Darin liegt gerade der Mehrwert des Bildungsmonitors gegenüber anderen Vergleichsuntersuchungen. Denn Bildung ist ein kumulativer Prozess, bei dem die jeweils nächste Station auf der vorherigen aufbaut. Einfach ausgedrückt: Was Hänschen im Kindergarten nicht lernt, lernt Hans in der Schule nimmermehr. Experten wie der Berliner Erziehungswissenschaftler Professor Dieter Lenzen (FU Berlin) betonen immer wieder die Bedeutung des frühkindlichen Lernfensters. Die Basis für die Entwicklung von Begabungen wird bereits in der Vorschule und Grundschule gelegt. Und wer in der Pubertät die Grundlagen fürs Abitur vertrödelt, hat es später ungleich schwerer, über den zweiten Bildungsweg die Hochschulreife zu erlangen. Natürlich kann der Bildungsmonitor, der so viele Bereiche abdeckt, nicht so in die Tiefe gehen, wie PISA bei den allgemeinbildenden Schulen.
7. Warum enthält der Bildungsmonitor 2009 Daten von 2007 – und nicht aus dem vergangenen Jahr?
Viele wichtige Daten werden von der OECD und dem Statistischen Bundesamt erhoben und ausgewertet. Das dauert in der Regel 12 bis 18 Monate. Deshalb kann der aktuelle Bildungsmonitor kaum Daten enthalten, die in der Zeit nach 2007 erhoben worden sind. Auch die 2008 veröffentlichten Ergebnisse der Studie PISA-E stammten übrigens aus dem Jahr 2006. Für die Kompetenzwerte der deutschen Viertklässler musste teilweise auf die Daten von IGLU 2001 zurückgegriffen werden.
8. Einige Länder haben sich im Vergleich zum Bildungsmonitor 2007 erheblich verbessert. Ist das eine Reaktion der politisch Verantwortlichen auf den PISA-Schock?
Ja. Der Bildungsmonitor erfasst unter anderem auch Reaktionen der Länder auf den PISA-Schock. Dies allerdings nur zu einem Teil. Denn die PISA-Ergebnisse erfassen nur punktuell die Leistungen 15-jähriger Schüler. Die Korrekturen der Rahmenstrukturen der Bildungssysteme bedürfen eines mittel- bis langfristigen Prozesses, der bereits auf unteren Stufen des Bildungssystems ansetzen muss. Insofern können sich Reaktionen auf den PISA-Schock des Jahres 2001/2002 noch nicht vollständig in den Daten widerspiegeln. Das gilt insbesondere für wichtige Maßnahmen wie die Einführungen von Bildungsstandards oder den Ausbau von Ganztagsschulen. Nichts desto trotz beeinflussen die verbesserten PISA-Ergebnisse der aktuellen Vergleichsuntersuchung 2006 natürlich auch die Ergebnisse des jeweiligen Bundeslandes im Bildungsmonitor 2009.
9. Werden einzelne Indikatoren unterschiedlich gewichtet oder geht zum Beispiel die Altersstruktur der Lehrer mit der gleichen Wertigkeit in die Analyse ein wie die öffentlichen Bildungsausgaben?
Im Bildungsmonitor wird auf die einfachste Gewichtungsvariante – dies ist die Gleichgewichtung der Indikatoren und der Handlungsfelder – zurückgegriffen, weil weder für die Hauptfragestellung des Bildungsmonitors noch für jedes einzelne Handlungsfeld ein geschlossenes ökonometrisches Modell formuliert werden kann, das eine Hilfestellung für die Gewichtungsentscheidung bietet. Nur einzelne Indikatoren, bei denen der interessierende Zusammenhang aufgrund der Datenlage in zwei Teilaspekte aufgespaltet werden kann, gehen mit einem halben Gewicht in das Benchmarking ein. Diese Gewichtungsmethode führt im Bildungsmonitor dazu, dass das effektive Gewicht einer einzelnen Kennziffer für die Gesamtbewertung von der Zahl der Kennziffern in den einzelnen Handlungsfeldern abhängt. Aus diesem Grund wird die Robustheit des Benchmarkings durch Sensitivitätsanalysen überprüft, in denen die Gewichtung der Handlungsfelder oder der einzelnen Kennziffern modifiziert wird.
10. Was ist mit dem Handlungsfeld "MINT" gemeint?
Das Kürzel MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (Ingenieurwissenschaften). Deutschland muss als hoch spezialisierte Volkswirtschaft technisch innovativ bleiben, um wirtschaftlich weiter wachsen zu können. Dafür braucht das Land eine möglichst große Zahl von Auszubildenden und Stundenten in technischen und forschenden Berufen und Fächern. Wie gut die Bedingungen auf diesem Feld sind, wird über die Kategorie "MINT" dargestellt. Indikatoren dieser Kategorie sind:
- Anteile von Absolventen und Studierenden in Ingenieurwissenschaften und Mathematik beziehungsweise MINT-Fächern (mathematisch-naturwissenschaftlich-technische Studiengänge),
- Die Relationen von Absolventen in den MINT-Fächern zu den Zahlen der in einem Bundesland tätigen Forscher und Ingenieure.
11. Was heißt Bildungsarmut?
Bildungsarm ist, wer kein Abitur beziehungsweise keine abgeschlossene Lehre, oder wer massive Probleme mit Rechnen, Lesen und Schreiben hat. Bildungsarmut in einem Bundesland ist ein bundesweites Problem: Denn sie verursacht enorme Folgekosten, die der Steuerzahler in allen Bundesländern tragen muss, etwa durch nötige Nachqualifizierungen in beruflichen Schulen oder über die Bundesagentur für Arbeit sowie durch Hartz-IV-Zahlungen.
12. Was heißt innerdeutscher Braindrain?
Als Braindrain bezeichnet man die Wanderung besonders gut ausgebildeter Menschen aus einem in ein anderes Bundesland. Der Bildungsmonitor 2008 belegt: Es gibt massive innerdeutschen Wanderbewegungen bei den Hochschulabsolventen, weg von den ausbildungsstarken Bundesländern hin zu forschungsstarken Regionen. Die Wanderbewegung findet vor allem von Ost- nach Süddeutschland statt. Viele Hochschulabsolventen studieren an ostdeutschen Universitäten, gehen nach Abschluss ihres Studiums dann in südliche Bundesländer, um dort zu arbeiten. Der Vorwurf, den sich die südlichen Bundesländer gefallen lassen müssen: Sie lassen sich ihre künftige Elite kostenlos in ostdeutschen Bundesländern ausbilden und schaffen es selbst nicht, genug hoch qualifizierte Arbeitskräfte auszubilden.
13. Macht ein Ländervergleich wirklich Sinn? Ist es nicht so, dass das meiste zentral vom Bund bestimmt wird?
Mehr denn je. Weil Bildungspolitik laut Grundgesetz Sache der Bundesländer ist, und nicht die des Bundes. Dies hat dazu geführt, dass sich die Bildungssysteme in Deutschland stark unterscheiden, etwa in den Schultypen, der Anzahl der Schuljahre oder der Bildungsinvestitionen. Gerade aufgrund dieser großen Unterschiede ist es sinnvoll zu untersuchen, welches Bildungssystem in welchem Bundesland was taugt. Im Zuge der Föderalismusreform (2006) wurde die Rolle der Länder in der Bildungspolitik noch weiter gestärkt: Beim Bund verbleiben lediglich die Kompetenzen zur Regelung der Hochschulzulassung und der Hochschulabschlüsse sowie für die berufliche Bildung. Die bisherige Gemeinschaftsaufgabe Hochschulbau geht in die Autonomie der Länder. Damit zieht sich der Bund aus der Finanzierung des Hochschulbaus zurück. Direkte Finanzhilfen im Schulbereich sind auch nicht mehr möglich.
14. Die Studie impliziert, dass man Bildung durch Wettbewerb verbessern kann. Warum sollte das so sein?
Die zu Grunde gelegte Formel ist einfach: Mehr Wettbewerb in der Bildung schafft mehr Qualität. Mehr Qualität schafft besser ausgebildete Fachkräfte, die zu mehr Wachstum in Deutschland beitragen können. Jedes Land wird zunehmend einem internationalen Bildungswettbewerb ausgesetzt, und das hat positive Auswirkungen auf die Qualität der Ausbildung. Ein gutes Beispiel hierfür ist die internationale Vergleichsstudie PISA: Nach dem schlechten Abschneiden Deutschlands setzte hierzulande eine dringend notwendige Debatte über Reformen im Bildungssystem ein. Denn durch die Studie wurde offensichtlich, dass Deutschland im internationalen Bildungswettbewerb den Anschluss verloren hat – Schüler, Studenten und Forscher aus anderen Ländern sind besser qualifiziert als die deutschen. Das bedeutet konkret: Diese Arbeitskräfte sind für den internationalen Arbeitsmarkt besser gerüstet und sorgen zudem durch ihre bessere Qualifizierung für mehr Wachstum in ihren Ländern. Nach diesem Befund wurden auch in Deutschland dringend notwendige Reformen im Bildungssystem angepackt.
15. Im diesjährigen Bildungsmonitor werden unter anderem Länder als Gewinner gewertet, die weniger Schüler haben als in den vergangenen Jahren und deshalb bei den verschiedenen Indikatoren nach oben rutschen. Werden die Ergebnisse so nicht verfälscht?
Nein. Denn die Frage nach der gesunkenen Schülerzahl ist nicht die entscheidende. Wichtig sind die Bildungsausgaben pro Kopf: Sind sie entsprechend gesunken oder auf gleichem Niveau geblieben? Länder, die trotz sinkender Schülerzahlen die Bildungsausgaben unverändert belassen oder unterproportional senken, investieren in die so genannte demographische Rendite. Sie steigern die Ausbildungsqualität an den Schulen und beruflichen Ausbildungsstätten und tragen so dazu bei, dass besser ausgebildete Jugendliche schneller zu Abschlüssen kommen.
16. Ein Indikator misst die so genannte Lehrer-Schüler-Relation, ein anderer die Klassengröße. Bedeuten nicht beide dasselbe?
Nein, die beiden Indikatoren bedeuten nicht dasselbe. Die Schüler-Lehrer-Relation gibt an, wie viele Schüler durchschnittlich auf einen Lehrer kommen. Das ist aber nicht deckungsgleich mit der Klassengröße. Denn die misst, wie viele Schulkameraden durchschnittlich in einem Klassenraum zusammensitzen. Wenn etwa eine Klasse aus 30 Schülern besteht, so kann die Schüler-Lehrer-Relation trotzdem unter dieser Zahl liegen, wenn die Schule relativ viele Lehrer beschäftigt.







